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Rudolf Kortokraks
geb. 1928 in Ludwigshafen
gest. 11.9.2014 in Hallein

POSTKARTE VON OSKAR KOKOSCHKA AN
RUDOLF KORTOKRAKS VOM 11.4.1968

 

My dear Kracky                                                                   Istanbul


do not get angry with the Viennese art-writers they always have been
fools,envy, ressentment and total ignorance are caracteristic for them.
If you look round where you are living now, it is not so very different
there either.
As far as I could see from your catalogue you are in a marvellous  epoque
now, keep on in that mood. I hope to see you both during this year.

Love to both of you, your

                        OK

 

Original in englischer Sprache, übersetzt durch Galerie Gerlich:



Lieber Kracky                                                                        Istanbul

ärgern Sie sich nicht über die Wiener Kunst-Schreiber. Sie waren immer
Narren. Neid, Voreingenommenheit und totale Ignoranz sind typisch für sie.
Wenn Sie sich umsehen, wo Sie jetzt leben wird es auch nicht anders sein.
Soweit ich es aus Ihrem Katalog beurteilen kann sind Sie in einer
wunderbaren Phase, bleiben Sie in dieser Verfassung.
Ich hoffe, Sie beide noch in diesem Jahr zu sehen.

Ihnen Beiden alles Liebe, Ihr

                        OK

 

Artikel aus der WIENER ZEITUNG vom 3.12.2010
"EIN AUSSENSEITER DES KUNSTBETRIEBES"

www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/kompendium/

Ein Außenseiter des Kunstbetriebs

Seine eigene Malerei beschreibt Rudolf Kortokraks als Zwangshandlung. Ihm gehe es aber nicht - "wie vielen zeitgenössischen Künstlern" - darum, sein "Innenleben auszuspeien, nicht um die Darstellung des Seelenzustandes, sondern um dessen Überwindung". Zuversicht und Lebensfreude zu kommunizieren, sei das Ziel seiner Arbeit. "Inhaltsleere" Malerei lehnt er ab: "Ich kann kein Bild einer verendeten Seemöwe betrachten und mich am Spiel der Farben erfreuen, ohne an die elende Kreatur auf dem Bild zu denken". Den Vorwurf, sich stilistisch stark an Kokoschka orientiert zu haben, kontert Kortokraks mit dem Hinweis, "schon im Zustand der Unbelehrbarkeit gewesen" zu sein, als er den großen Maler Anfang der fünfziger Jahre kennen lernte.

Ein Selbstbildnis des Künstlers aus dem Jahr 2000. Foto: Bentz

Ein Selbstbildnis des Künstlers aus dem Jahr 2000. Foto: Bentz Ein Selbstbildnis des Künstlers aus dem Jahr 2000. Foto: Bentz

Spätestens seit seinen unter ärmlichsten Umständen verbrachten Studienaufenthalten in Paris Anfang der 1950er Jahre stand für Rudolf Kortokraks fest, der sich damals abzeichnenden Entwicklung in der Kunst nicht zu folgen: "Sie widerstrebte meinem Charakter und meinem Temperament. Ich war nicht fähig und auch nicht willig, die Bindung an die Natur zu lösen und die Darstellung und Interpretation der sichtbaren Welt zu verlassen." So ignorierte Kortokraks die Meinung der "Hohepriester der Kunst", nach der die Natur ausgedient habe, blieb sich und seiner Handschrift treu und malte mit seinen Blumen-, Städte- und Menschenbildern, die aus dem Antrieb entstehen, "die Schöpfung zu verherrlichen", Jahrzehnte lang "aus Trotz" gegen alle sich abwechselnden Stile an, die gerade Mode waren.

Kompromisse und die im Kunstbetrieb notwendige "Geschmeidigkeit", um erfolgreich zu sein, sind seine Sache nicht. Und schon gar nicht das Produzieren von einfach verwertbarer "Kunstbetriebskunst", wie sein im letzten Jahr verstorbener Freund Alfred Hrdlicka, mit dem er die Herkunft aus proletarischem Milieu und die Erlebnisse in der Nazizeit teilte, einmal leicht verkäufliche Kunstprodukte nannte.

Lob war Rudolf Kortokraks immer verdächtig, denn er ist nicht nur kritisch gegen andere, sondern besonders gegen sich selbst. So bat er während seiner Zeit mit Kokoschka den großen Maler, seinen Bildern kein Lob zu spenden, da dies seiner Kunst nur hinderlich gewesen wäre. Seine an sich selbst gestellten hohen Ansprüche standen Kortokraks oft im Wege. "Man muss", sagt der Künstler bestimmt, "für das, was man macht, in den Spiegel schauen und vor sich selber bestehen können. Das ist das Einzige. Ich male zu meiner eigenen Befriedigung, nach meinem eigenen Qualitätskanon. Und manchmal gefallen Menschen diese Werke."

Rudolf Kortokraks war nie ein "einfacher Zeitgenosse". Und wenn er von jemandem nichts hielt, ließ er es ihn das - egal, um wen es sich handelte - ganz undiplomatisch auch spüren. Etwa jenen Kulturpolitiker seiner Heimatstadt Ludwigshafen, den er als "Würstchen" ansah - und ihm zur Verdeutlichung seiner Meinung ein solches per Post aus London zusandte. Der Schelm muss laut auflachen bei der Vorstellung, "wie das damals nach dem langen Postweg gestunken haben muss".

Verkannt und verpönt

Mit solchen Aktionen macht man sich natürlich keine Freunde. So verwundert es auch nicht, dass es in seiner pfälzischen Kindheitsheimat, wo seine Bilder in den 1960er/70er Jahren häufig zu sehen waren, schon lange keine größere Korktokraks-Ausstellung mehr gegeben hat. Überhaupt, so der Maler, habe man ihn in seiner Geburtsstadt seit jeher mit dem Etikett "unbegabt" versehen und seine Äußerungen für "das wirre Gewäsch eines bemitleidenswerten Irren" gehalten. Es habe sogar in manchem Amtszimmer Aktenvermerke gegeben, die lauteten: "Rudolf Kortokraks hat nicht zu existieren!" Und in Österreich, so schreibt er in seinen fragmentarisch vorliegenden Lebenserinnerungen, erzähle man sich gerne, dass Rudolf Kortokraks als "Un-Person im Orwellschen Sinne" zu betrachten sei.

Nur wenige Menschen, denen er bis heute sehr verbunden sei, hätten sich überhaupt für ihn - der stolz darauf ist, nie Preise gewonnen zu haben - und für sein Werk eingesetzt. Das Land Rheinland-Pfalz besitzt gut zwei Dutzend Gemälde von ihm, die lange in Amtszimmern der Landeshauptstadt Mainz hingen, berichtet der Künstler. Wie etwa jenes Menschenbild - das Wort "Porträt" lehnt Kortokraks strikt ab - des ultralinken Labourabgeordneten Sydney Silverman, dessen zäher Einzeinitiative es zu verdanken war, dass das englische Parlament die Todesstrafe auf der Insel abschaffte. Jahrelang schmückte das Bild das Mainzer Amtszimmer des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl, als dieser noch Ministerpräsident des südwestdeutschen Bundeslandes war. In der Mannheimer Kunsthalle dürften sich heute etwa zehn Bilder von Rudolf Kortokraks befinden. Und in Österreich, wo es in Wien und Salzburg immer wieder Ausstellungen seiner Werke gab, besitzt das Lentos Kunstmuseum in Linz großformatige Gemälde und Graphiken von Kortokraks.

"Sonst werden meine Bilder heute aber kaum mehr ausgestellt", meint der 82-jährige Künstler. "Ich bin vielleicht noch nicht tot genug. Diesen Zustand aufrecht zu erhalten, bemühe ich mich."

Oliver Bentz, geboren 1969, hat Germanistik studiert und lebt als Kulturpublizist in Speyer (D).

 

Aus ORF 1: Menschenbilder, Sonntag, 28. Juni 2009, 14:05 Uhr
Text von Heinz Janisch

Rudolf Kortokraks

Malen bloß zum Trotz

Als "Assistent" von Oskar Kokoschka in der "Schule des Sehens" in Salzburg, als "später Expressionist", als "lyrischer Künstler mit einer sehr eigenständigen Handschrift" wird der Maler Rudolf Kortokraks von Kritikern gewürdigt.

Einer Ausstellung seiner Werke zum 80. Geburtstag gab Rudolf Kortokraks den Titel: "Bilder, trotzdem gemalt." Zur Ausstellung war zu lesen: "In diesem 'Trotzdem' steckt das stachelige Wörtchen "Trotz" drinnen, das auch ein Lebens- und Kunstmotto des Malers ist.

Trotz allem hat Kortokraks lebenslang angemalt und angezeichnet gegen alles, was stilistisch angesagt war und ist und - er tut es auch heute noch mit einem gewissen Ingrimm. Bemerkenswerter Weise auch im Pastell, diesem bevorzugten Farbmedium des poetischen 18. Jahrhunderts. Wer malt heute noch Blumenstilleben, Landschaften, Städte und Gesichter und noch dazu in vergänglichem zauberhaften Farbstaub? Bilder, trotzdem gemalt.

(c) kortokraks.com

Selbstporträt

"Es gibt Leute, die sagen, der spinnt"

Im Gasthaus Maria Plain, hoch über Salzburg, in jenem Gasthaus, in dem der Maler seit vielen Jahren ein Zuhause gefunden hat, hängen viele seiner Bilder an den Wänden: leuchtende Blumen und Landschaften. Der inzwischen verstorbene Wirt Franz Moßhammer war ein großer Kunstliebhaber und hat den - meist unter Geldnot leidenden - Maler bei sich aufgenommen.

"Ich hoffe, man hat Sie ausreichend vor mir gewarnt", sagt Rudolf Kortokraks gleich zu Beginn des Gesprächs, "Es gibt auch Leute, die mich nicht leiden können, die sagen: der spinnt, der ist verrückt, der ist völlig geisteskrank." Selbstkritisch und kritisch anderen gegenüber, so sei er nun mal, sagt Rudolf Kortokraks, und er fügt gleich hinzu: "Wenn mir dieses 'Menschenbild' nicht gefällt, werde ich Sie zum Duell auffordern!"

Das Augenzwinkern ist nicht zu übersehen, wie überhaupt- bei aller Strenge und Genauigkeit im Blick auf die Kunst - der Humor nicht zu kurz kommt. Wobei - Konzentration ist angesagt, auch bei den Fragen. Allein bei der Frage nach den Blumenmotiven, die oft in seinem Werk anzutreffen seien, heben sich die Augenbrauen des Malers deutlich. Hat man da tatsächlich von Motiven gesprochen? "Ich brauche Motivation- und keine Motive", sagt Kortokraks.

Neben Landschaften und Blumen sind im Werk von Rudolf Kortokraks viele Porträts zu entdecken. Wobei - beim Wort "Porträt" regt sich beim Künstler schon wieder leichter, freundlicher Widerstand. Er habe Respekt vor Menschen, was er malt, seien "Menschenbilder", betont er.

Flugblätter unterm Mantel

1928 wird Rudolf Kortokraks in Ludwigshafen in Deutschland geboren. Die Eltern - der Vater ein Arbeiter, die Mutter Verkäuferin - sind überzeugte Kommunisten. Rudolf Kortokraks erinnert sich: "Hausdurchsuchungen gehörten zu den Alltäglichkeiten meiner frühen Kindheit. Recht klar sehe ich noch vor mir - ich war vier Jahre alt - dass ein gar nicht so unfreundlicher Schutzmann das gerahmte Lenin-Bild vom 'Herrgottswinkel' unserer bolschewistischen Dachstube nahm, das Glas zerbrach, das Foto konfiszierte und dann treudeutsch auf einem Quittungsblock anwies, die Kosten für das zerbrochene Glas zu ersetzen."

Nach Ausbruch des Dritten Reiches wurden keine Glasscheiben mehr von der Republik ersetzt, erzählt Rudolf Kortokraks. Der Vater muss für eine Weile untertauchen, die Mutter geht mit dem Jungen an der Hand kilometerweit zu Veranstaltungen, unter ihrem Mantel sind vier Kilo Flugblätter versteckt. "In jener Zeit wurde ich von uniformierten Männern oft gefragt, was meine Eltern in der Nacht zuvor getan hatten", erinnert sich Rudolf Kortokraks. "Verraten habe ich meine Eltern nie. Ich mochte meine Verhörer nicht."

Nicht sein Leben lang ein Schüler

Rudolf Kortokraks hat in Frankreich, in Paris gelebt, er hat in Italien gelebt und gearbeitet, er hat in der Nähe von Rom eine eigene "Schule des Sehens" geleitet, er war in England zu Hause, hat dort in einigen Kunstschulen unterrichtet, er war zu Gast in der Künstlerkolonie Worpswede, er war zweimal verheiratet, zwei Töchter und ein Sohn wurden geboren. Ein bewegtes Leben.

1954 kam er erstmals nach Salzburg, er wurde bald Oskar Kokoschkas Assistent an der "Schule des Sehens" im Rahmen der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, später wurde er als Lehrer gar Leiter des Seminars "Schule des Sehens" in Salzburg. Mit Salzburg ist er seit jener Zeit eng verbunden.

Was ihn jedoch stört, ist, wenn er ständig als Schüler Kokoschkas gesehen wird und nicht als eigenständiger Künstler. "Auf Rudolf Kortokraks wird in Salzburg immer ein bisschen von oben herab gesehen, weil es einen überdimensionalen Schattenwerfer mit den Initialen OK am Sockel gibt", notierte ein Kritiker zu einer Ausstellung von Rudolf Kortokraks. "Auch wenn man jemandes Werk sehr schätzt - man ist nicht sein Leben lang ein Schüler", ärgert sich Kortokraks, "und es gibt mindestens zehn Maler, dessen Werk ich sehr schätze."

Einfach noch nicht tot genug?

Woran es ihm als Künstler jedoch mangle, sei das Talent fürs Geschäftliche, sagt er selbst. Es fehle ihm an "Selbstwert" um sich gut zu verkaufen, aber ohne den Verkauf seiner Bilder gäbe es kein Überleben. Um finanzielle Absicherung habe er sich nie wirklich gekümmert.

Über den Sommer muss sich Kortokraks jetzt ein Ausweichquartier suchen, denn da brauche das Wirtshaus sein Zimmer für zahlende Gäste. Natürlich, Ausstellungen wären hilfreich, damit seine Bilder auch gesehen werden, vielleicht auch von Sammlern oder Sammlerinnen, die um den Wert seiner Bilder wissen. "Meine Bilder werden kaum ausgestellt oder verkauft", sagt Kortokraks, "ich bin einfach noch nicht tot genug. Diesen Zustand aufrecht zu erhalten, bemühe ich mich."